Les Reines Prochaines

Let's sing, Arbeiterin*

Von der Ideologie zur Choreografie
Die diskursive Revue zum 30-jährigen Bestehen von Les Reines Prochaines

Von der Lawinenballade zum Hungerchoral, vom Analysendisco über Erzählcircus zum Emanzipationsrumba, vom militanten Schlager zum Minimal-Pomp, vom Euphorie Techno bis zum Folksong entfaltet sich ein musikalischer Reigen.  In gewagten Bögen jagen wir Arbeiter*innenbilder durch kommunistische und kapitalistische Propagandafilter, reichern sie mit Persönlichkeiten aus unseren Familienalben an und überschreiben sie mit Projektionen für helle Zukunftsaussichten. Wir haben unsere eigenen Erfahrungen mit Mischberufen, Berufskrankheiten, Knochenarbeit und Ehrenamt, die Songs, Sprachnummern, Körpergedichte und Tänze speisen. Von der Ideologie zu Choreografie vom Ich zum Wir, vom Wir zum Ich. Vom Kopf des Einzelnen in den geteilten Raum, in die Bewegung, ins Handeln. Wer nicht isoliert ist, ist auch nicht arm!

Kaserne Basel
— Premiere: Mittwoch 23. Januar 2019 | 20 h
— Do 24. Januar – Sa 26. Januar 2019 | 20 h
— So 27. Januar | 19 h

Gessnerallee Zürich
— Do 7. Februar & Fr. 8. Februar 2019 | 20 h

Tojo Theater Bern
— Mi 20. Februar 2019 | 20:30 h
— Fr. 22. Februar 2019 | 20:30 h
— Sa 23. Februar 2019 | 20:30 h

Konzeption und Regie  Les Reines Prochaines und Chris Regn, Marcel Schwald

Musik, Gesang, Text, Choreografie und Performance von und mit Lukas Acton, Sibylle Aeberli, Michèle Fuchs, Sibylle Hauert, Chris Hunter, David Kerman, Fränzi Madörin, Muda Mathis, Chris Regn, Marcel Schwald, Dorothee Schürch, Sus Zwick

Ton: Susanne Affolter
Licht: Anna Wohlgemut
Musikalische Leitung: Sibylle Aeberli, David Kerman
Video: Sus Zwick
Foto und Grafik: Lukas Acton
Requisiten: Chris Hunter
Produktionsleitung: Fränzi Madörin

Verortung «Let’s Sing Arbeiterin» ist ein im Kollektiv mit Freund*innen entstandener Bilderbogen für 12 Songs, der von nostalgischen Utopien über aktuelle Phänomene, hin zu zukunftsweisenden Projektionen reicht. Worum ging’s, was entstand und wer hat Teil? Etwa zeitgleich mit dem Aufkommen der Romantik beginnt ein global bewusster, bunter Haufen aktiv für die Überwindung von Ungleichheiten und ein friedliches Leben zu kämpfen: Bäuerinnen, Handwerker und verarmte Intellektuelle, bilden die erste Generation Industriepersonal. Diese arbeitet nicht nur, sie dichtet auch, singt, gärtnert, spielt Theater und schreibt Reportagen. In einem Akt der kulturellen Selbstschöpfung erfinden diese Frauen und Männer ein neues, gesellschaftliches „Wir“ jenseits von Familie und Religion: das Proletariat. Schnell kristallisiert sich aber heraus, dass die dominante Gruppe im Proletariat weisse Männer mit Bürgerrecht sind. Hier setzt „Let’s Sing Arbeiterin“ mit Bildkorrekturen an: Weichen werden anders gestellt, Erzählstränge überarbeitet und zu früh aufgegebene Errungenschaften zurückgeholt. Immer im Zentrum steht die Arbeit selbst: wie, unter welchen Umständen und mit welchen Materialien wollen wir auf unseren Baustellen tätig sein?

Thema Arbeiter*innen – eine selbstbewusste Klasse, auf unterschiedlichste Weise repräsentiert, bebildert und glorifiziert – sind der Ausgangspunkt von «Let’s Sing Arbeiterin». Die Arbeiterbewegung steht für einen Kristallisationspunkt von Selbstorganisation, als Erzählung vom möglichen Gemeinsamen und der Ausprägung von globalen Räumen, Zusammenhängen und Ideen.

Im Marxismus taucht das Begriffspaar Haupt- und Nebenwiderspruch auf, das hierarchisiert was revolutionär zuerst zu tun ist. Zuerst ginge es darum den Kapitalismus zu stürzen und danach könnten die Nebenwidersprüche (z.B. Sexismus und Rassismus) angegangen werden. Die aktiven Frauen, die mit mehr als nur einer Doppelbelastung zu kämpfen hatten, wollten sich aber im Arbeiterkampf als Frauen organisieren, um auf diesem Weg lösungsorientierter und bewusster mit Problemen und Ressourcen umgehen zu können. Während der Zusammenhalt der Arbeiterklasse, gerade durch die Frauen, in vielen Bereichen zu sozialen Errungenschaften führt, wird schon die sogenannte erste Frauenbewegung als Schwächung des revolutionären Potentials empfunden und proklamiert. Die 1968er Bewegung führt zur zweiten Frauenbewegung. Sie fordert Emanzipation, Lohn für unbezahlte Arbeit, Kinderläden und eigene Räume.

Nach den aufstrebenden 50er und 60er Jahren wird ab den 70er Jahren der arbeitende untere Mittelstand zum heterogenen Sammelsurium kleiner Angestellter, Hilfsarbeiter*innen und Handwerker*innen, nachdem viele Jobs für Land- und Industriearbeiter*innen wegrationalisiert, ausgelagert oder mit billigen Arbeitskräften besetzt wurden. Diese unorganisierte Situation – das Prekariat – nährt im Gegensatz zum Proletariat keine verbindende Idee und kein Wir-Gefühl, sondern schürt Misstrauen und Konkurrenz. Nicht mehr von den Reichen gilt es sich jetzt abzugrenzen, sondern von „Ausländer*innen“. Zahlreiche sozialstaatliche Errungenschaften sind auf Arbeiter*innenkämpfe zurückzuführen, wurden aber inzwischen selbstverständlich und haben ihren historischen Kontext verloren. Das Erbe der Arbeiter*innen macht uns als „westliche Individuen“ im globalen Kontext – noch – zu sozialstaatlich Privilegierten. Drohende Prekarisierung führt dabei zu nicht enden wollenden Strategien von Selbstoptimierung, Depression, Hilflosigkeit und Isolation. Das Bild des privilegierten Westeuropäers, der es sich leisten kann, nicht einzugreifen, liefert da keine Handlungsperspektiven, ausser wieder bei sich selbst. Der Stolz des Nicht-Besitzens, der geteilten Mission, ist dem Individualismus gewichen. Doch Aktivismus findet immer noch innerhalb von Subkulturen statt.

Anliegen In der Kunst verbindet sich das Kulturelle und das Soziale mit Bildung und Aneignung und sorgt somit für die Durchblutung der kollektiven Bilder. Wenn Frauen und Künstler*innen arbeiten, müssen sie immer auch um ihre ganz speziellen Lebensbedingungen kämpfen, weil sie sich in einer existenziellen Differenz erleben, die sich längst abzeichnet und fortschreibt. Sie haben Übung in Erwerbslosigkeit und im Umgang mit anderen Währungen, die sie nicht an die Gentrifizierung abtreten wollen.

Protest, Ideen, Parolen und Bewältigungen laufen über Lieder. Sie helfen sich aufzulehnen, sich anzufeuern, zu ertragen, zu überliefern und zu markieren als eine Form von Archiv, von Ermutigung und Rhythmisierung. Lieder transportieren und modifizieren Bilder. Wir interessieren uns mit dieser Produktion für das Potential der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Die Songs bringen dringende Bildkorrekturen auf die Bühne. Der Bilderbogen reicht von nostalgischen Utopien über aktuelle Themen, hin zu zukunftsweisenden Analysen. Dabei schaffen wir neue Kompetenzen, die wir gerne mit dem Publikum teilen wollen.

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